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Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Gerstner, meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Vorstellung, dass ich vom einen auf den anderen Tag von zu Hause weggehen müsste, mit der Gewissheit, dass ich meine geliebten Menschen nie mehr wiedersehen würde, macht mir Angst und stimmt mich sehr traurig. Ich habe bis jetzt das Glück, noch keine geliebten Menschen verloren zu haben. Als ich am 20. Oktober in den Nachrichten erfuhr, dass zwei Bundeswehrsoldaten in Afghanistan getötet wurden, musste ich an den unermesslichen Schmerz der Angehörigen denken, der sie wohl ihr Leben lang begleiten wird. Aber es gibt einen wichtigen Prozess mit diesem Leid umgehen zu können: Die Trauer. Der Mensch braucht Trauer, um Kummer und Schmerz verarbeiten zu können. Mit Trauer zeigen wir aber auch Anteilnahme und Mitgefühl - aus diesem Grund haben wir uns heute hier versammelt, um an die Toten und Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft zu erinnern.
Frieden und Demokratie sind Grundvoraussetzungen für das friedliche Zusammenleben von Menschen. Diese Begriffe, die wir heutzutage für selbstverständlich erachten, bilden die Fundamente unseres Staates. Rückblickend hat Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen jedoch keine besonders lange demokratische Tradition. Es scheiterten zahlreiche Versuche beim Aufbau einer beständigen und sicheren Demokratie. Trotzdem zählt unser Land heute zu den respektiertesten Staaten der Erde. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich in der damaligen Bundesrepublik eine der stabilsten Demokratien der Welt.
Aber warum spreche ich am Volkstrauertag von der heutigen Stellung unseres Landes in der Welt? Weil der Freiheit und der Demokratie, die wir als junge Generation vielleicht nicht immer zu schätzen wissen, leider eine schreckliche Geschichte vorausging.
Der ehemalige Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker sagte: "Wer seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen." Wir, die junge Generation, haben den Krieg und die Nachkriegsjahre nicht miterlebt. Daher tragen wir für die Gräueltaten des NS-Regimes keine Schuld. Jedoch haben wir die Verantwortung, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt, und dass Demokratie und Freiheit die Grundpfeiler unseres Staates bleiben. Wir leben seit 1990 zum ersten Mal in einem Deutschland, in dem Freiheit und Einheit verwirklicht sind.

Was aber war der Preis beziehungsweise die Errungenschaften dieser Vorgeschichte?
Geprägt wurde Deutschland und die Welt im 20. Jahrhundert durch zwei schreckliche Weltkriege, die eine zuvor nicht gekannte Zerstörung hinterließen. Der 1. Weltkrieg forderte 8 Millionen Tote; über 21 Millionen Menschen wurden verwundet. Im 2. Weltkrieg ließen über 50 Millionen Soldaten und Zivilisten auf fünf Kontinenten ihr Leben.
Diese Zahlen spiegeln die unglaubliche Zerstörung wider, die in Deutschland, Europa und der Welt hinterlassen wurde. Das sind letztendlich aber nur Fakten, die nicht das individuelle Leid der Menschen zum Vorschein bringt. Der Volkstrauertag gedenkt den verstorbenen Soldaten und Zivilisten, den verletzten, verstümmelten und entstellten Opfern der beiden Weltkriege. Er mahnt an, die Opfer von Gewalt und Terror nicht zu vergessen, sondern ihrer in Würde zu gedenken und zu trauern. Die Trauer und der damit verbundene Schmerz sollen uns daran erinnern, dass Krieg, Terror und Gewalt keine Mittel sind, die vermeintlich höheren Zwecken dienen, sondern die nur Angst, Schrecken und Leid zur Folge haben.
Wir gedenken den Menschen, die sich in der Zeit der NS-Diktatur gegen das Regime aufgelehnt haben, um sich für Frieden und Freiheit einzusetzen.
Sie bezahlten für diesen Einsatz oft mit ihrem Leben. Wir gedenken der jungen Soldaten, die in den Krieg ziehen mussten und dafür ihrer Jugend oder ihres Leben beraubt worden sind. Wir beten für alle Opfer der beiden Weltkriege und der NS-Diktatur.
Das unglaubliche Leid, das Europa im 2. Weltkrieg erlebt hat, ist heute schwer zu begreifen. Allein im Kessel von Stalingrad starben ca. 300 000 deutsche Soldaten. Dieses sinnlose Opfern von Menschenleben bezahlten tausende Väter, Söhne, Brüder, Enkel und Freunde mit ihrem Leben. Ich bin im Juni 19 Jahre alt geworden, so alt wie mein Großvater war, als er 1945 schwer verwundet aus russischer Gefangenschaft zurückkam. Eigentlich hatte man dort vor, seinen Arm zu amputieren. Der Zufall wollte es aber, dass eine russische Krankenschwester, die schon einmal in Baden-Baden gewesen war, dies verhinderte.
Ein deutscher Soldat schrieb in einem Feldpostbrief aus Stalingrad: "Liebe Mutter Jetzt weiß ich erst, was Hunger ist und wie weh er tut. Schon wochenlang muss ich am Tag mit anderthalb Schnitten Brot und einem halben Kochgeschirr Wassersuppe auskommen. Ich bin so schlapp und müde, du glaubst es nicht. Sollte ich noch einmal das Glück haben, nach Hause zu kommen, werde ich alles essen. In Gedanken bin ich immer bei dir. Dein Hans
Dieser Brief stammt aus dem Buch "Stalingrad" von Guido Knopp. Das Schicksal des jungen deutschen Soldaten ist nur eines von Millionen dieses schrecklichen Krieges. Die Soldaten der beiden Weltkriege mussten größtenteils ihr Leben aufgeben, um es in den Dienst eines Landes zu stellen, das von machtpolitischen Zielen geleitet wurde.
Der deutsche Kulturhistoriker Arthur van den Brock sagte bezüglich des Leids eines Krieges: "Jeder Krieg wird erst nach dem Krieg entschieden."
Dieses Zitat sagt mir, dass die schrecklichen Ausmaße eines Krieges erst im Nachhinein zum Vorschein kommen. Beispiele dafür aus dem 2. Weltkrieg sind die Massentötungen in Osteuropa und die systematische Ausrottung der Juden in den Konzentrationslagern.
Doch stellt sich die Frage, welche Bedeutung der Volkstrauertag im Jahr 2008 für die jüngere Generation hat. Viele der Ereignisse der beiden Weltkriege und des NS-Regimes werden wir nie begreifen können. Der heutige Tag soll zur Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse beitragen. Und mehr noch, er soll eine Zusammenkunft von jung und alt sein - ein Tag, an dem ein Generationenaustausch stattfindet.
Frieden und Demokratie sind nicht zwei unabhängig voneinander existierende Begrifflichkeiten. Sie hängen bei genauerer Betrachtung direkt voneinander ab. Demokratie ist die Grundlage von Frieden.
Der Zustand Frieden kann nur in einem Herrschaftssystem erreicht werden, in dem das Volk herrscht und nicht über das Volk geherrscht wird.
Das oberste Prinzip der Demokratie ist die Volkssouveränität, wie sie auch in unserem Grundgesetz verankert ist. Ein weiterer Grundpfeiler des demokratischen Systems ist der Pluralismus. Manche Staaten in jüngster Vergangenheit nannten sich eine demokratische Republik, jedoch wurde das Pluralitätsprinzip in diesen Staaten keinesfalls verwirklicht. Dort wo keine Freiheit, keine Gleichheit und keine Vielfalt existieren, herrschen Krieg, Unterdrückung oder Korruption.
Die Überlegenheit der Demokratie gegenüber anderen Herrschaftssystemen liegt in dem Streben der Staatsbürger nach Wohlstand und Frieden, das hier uneingeschränkt möglich ist.

Krieg würde dieses Streben gefährden und ist deshalb keine Option. Zur Untermauerung dieser These dient ein Rückblick in die nicht allzu ferne Geschichte, wonach kein Krieg ersichtlich ist, der ausschließlich zwischen demokratischen Staaten geführt wurde.
Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein nationaler Gedenktag und deshalb essentiell wichtig für die Geschichte unseres Landes. Heutzutage sind Gedenktage wie dieser jedoch keine ausschließlich nationalen Angelegenheiten mehr. Wir Deutschen gedenken zum Beispiel am 11. November in Verdun zusammen mit unserem ehemaligen Erzfeind Frankreich der Opfer des 1. Weltkrieges. In den letzten 150 Jahren gab es zwischen Frankreich und Deutschland drei große Kriege, die eine unglaubliche Zerstörung, vor allem in Frankreich, anrichteten All diese Kriege forderten einen unglaublich hohen Blutzoll auf beiden Seiten. Heutzutage pflegen unsere beiden Länder gute diplomatische Beziehungen und -mehr noch- wir sind Partner und Freunde geworden.
Wir gehen Hand in Hand, wie es Mitterand und Kohl vorgemacht haben, den globalen Herausforderungen der heutigen Tage entgegen. Die deutsch-französische Freundschaft ist ein Musterbeispiel für die Aussöhnung zwischen zwei ehemals verfeindeten Staaten.
Ein weiteres Beispiel für die Versöhnung Deutschlands mit unseren Nachbarn sind die Feierlichkeiten Polens am 11. November, anlässlich der 90-jährigen Unabhängigkeit der Republik Polens. Zu diesem besonderen Ereignis ist in diesem Jahr die Bundeskanzlerin Angela Merkel gekommen, um ihren Respekt gegenüber der polnischen Geschichte zu zeigen. Eine Geschichte, die geprägt ist durch eine stetige Abhängigkeit von den Großmächten Europas. Sie möchte aber, genau wie es Willy Brandt 1970 bei seinem Kniefall vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes getan hat, den Willen Deutschlands zu einer friedlichen und versöhnlichen Nachbarschaft bekunden.
Vor allem aber möchte sie der Opfer unter der deutschen Besatzung während des 2. Weltkrieges gedenken.
Diese Politik des Aufeinanderzugehens trägt zur Friedenssicherung in Europa bei. Sie zeigt, dass Grenzen überwunden werden können, wenn man respektvoll mit seinem Gegenüber umgeht.
Am Volkstrauertag setzen wir uns mit unserer Geschichte auseinander, was mir verdeutlicht, wie wichtig es ist den Kurs Richtung Völkerverständigung, Demokratie und Frieden fortzuführen. Schließlich wollen wir uns der Trauer erinnern, anstatt sie nochmals zu erfahren.
Adrian Sonder
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