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Abiturfeier 2010 am 2. Juli 2010

Alexander Klein hielt im Namen des Lehrerkollegiums die Abschiedsrede

 

größer Liebe Eltern, Verwandte und Freunde, liebe Schulleitung, liebes Kollegium und ganz besonders liebe Abiturientinnen und Abiturienten!

Erst vor kurzem stellten die bekannten Hirnforscher Gerald Hüther und Manfred Spitzer nach längerer Forschungsarbeit unmissverständlich fest: "Der Mensch ist eine Lernmaschine, sein Kopf tut nichts lieber als zu lernen und Lernlust muss man nicht wecken, sie ist von Geburt an vorhanden." Die Hirnforschung hat den Wissensdurst als angeborenen Trieb entdeckt, vergleichbar dem Hunger nach Nahrung.

Das dem so ist, ist mittlerweile hinreichend belegt; die bisherigen Erkenntnisse haben beispielsweise auch Eingang in den neuen Lehrplan meines Profilfachs Pädagogik und Psychologie hier am sozialwissenschaftlichen Gymnasium gefunden: Bereits bei der Geburt verfügt das Gehirn Neugeborener über die gigantische Zahl von mehr als 100 Milliarden Nervenzellen. Jede einzelne dieser Nervenzellen ist im Laufe der frühen Entwicklung mit bis zu 10.000 weiteren Nervenzellen verbunden. Zum Vergleich und für den ein oder anderen Astrophysiker unter Ihnen und Euch: Damit übersteigt die Anzahl der Verbindungen in unserem Cortex (der Großhirnrinde) die Zahl der positiv geladenen Teilchen im gesamten Universum.

Dass der Mensch von Kindesbeinen an sowohl lernbedürftig als auch hochgradig lernfähig ist, bestätigen empirische Befunde der Neuro- und Entwicklungspsychologie: Bereits Säuglinge und Kleinkinder versuchen aktiv ihre eigene Umgebung zu erkunden, führen dabei kleine Tests durch und stellen - ähnlich wie Wissenschaftler - Hypothesen an. Dreijährige lernen im Schnitt alle 90 Minuten ein neues Wort und mit fünf bis sechs Jahren beherrschen Kinder nicht nur bereits tausende von Wörtern, sondern vor allem auch deren Gebrauch und damit die komplizierte Grammatik der Muttersprache. Diese und ähnliche Beispiele ließen sich beliebig fortführen, sie zeigen eines ganz sicher: Wir sind tatsächlich im Sinne der Hirnforscher "Lernmaschinen" - und besitzen damit perfekte Voraussetzungen für die Schule - könnte man meinen.

Mit diesem Fazit müsste sich logisch schlussfolgern lassen: Vor Ihnen und Euch steht ein Mensch mit der wohl schönsten Arbeit auf der Welt!

Ganz klar, denn stellen Sie sich einmal vor, sie kommen wie ich montags zu Ihrer Arbeit und die Schüler konnten es schon am Wochenende kaum abwarten, dass es wieder losgeht mit dem Lernen. Am liebsten würden Sie einen Antrag auf Abschaffung der Wochenenden bei Ihrer Schule stellen, denn Sie tun sowieso die ganze Zeit nichts lieber als das, was Ihnen mit dem Tag Ihrer Geburt in die Wiege gelegt wurde: Sie stillen Ihren schier unendlichen Wissensdurst und sind völlig verrückt nach dieser Lerninstitution, die sich Schule nennt und lieben nichts mehr als das Lernen.

Weiter ließe sich dann festhalten: Lehrer werden und sein ist wirklich ein absoluter Traumjob, oder gehen Sie einer täglichen Arbeit nach, in denen Sie Kunden nie überzeugen müssen, die alles wollen, was Sie anbieten und immer nur noch mehr verlangen?!

Tatsächlich macht mir meine Arbeit in all Ihren Facetten große Freude: Das betrifft sowohl das Kerngeschäft des "Lehrer-Seins", also den Unterricht, seine (zuweilen auch sehr langwierige) Vor- und Nachbereitung, als auch den pädagogischen Bezug zu den Schülern, das Gespräch, den Austausch, das offene Ohr bei Problemen aller Art und natürlich auch die Klassengemeinschaft, an der man insbesondere als Klassenlehrer teil hat.

 

Und trotzdem: Entgegen all dieser wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse fällt mir die Bestätigung dieser Ergebnisse mit Blick auf die letzten drei Jahre Unterricht in der gymnasialen Oberstufe auch bei bestmöglicher Betrachtung - sagen wir einmal - eher schwer.

Vielmehr gibt es einen Satz, der mir dazu sofort einfällt und der erst einmal so gar nicht zu den schönen Sätzen der anfangs genannten Hirnforscher passen will. Der Satz lässt sich in den Bereich der psychologischen Lerntheorien einordnen und gibt eine ganz grundlegende Erkenntnis zum Lernen wieder und damit zu eben jenem Prozess, der in unseren Schulen schließlich seinen Platz zu finden hat. Immer wieder kam es vor, dass ich zum Beispiel nach einer Unterrichtsstunde in meinem Profilfach am SG den Klassenraum verlassen habe und mich dieser eine Satz zu einem nicht geringen Teil dann tröstlich stimmte. Er lautet: "Lernen ist ein nicht beobachtbarer Prozess."

Der Satz sagt dabei nicht mehr und nicht weniger aus, als dass ich zwar ein Ergebnis des Lernprozesses abfragen kann - gemeinhin Klassenarbeit oder Test genannt - der eigentliche Lernprozess des Schülers sich aber tatsächlich völlig meiner Betrachtung entzieht, denn er findet innerpsychisch statt und ist nicht von außen beobachtbar.

 

Vor diesem Hintergrund erscheinen Aussagen von Eltern aus den letzten drei Jahren Elterngesprächen wie beispielsweise: "Ich weiß nicht, irgendwie sehe ich den oder die nie was für die Schule machen - oder zumindest viel zu selten" in einem ganz anderen Licht. Wir sehen den Prozess eben einmal nicht, er findet quasi im Verborgenen statt.

Der Begriff "verborgen" bringt es dabei ganz gut auf den Punkt: Irgendwie schaffen es doch recht viele Schüler heut zu Tage die Erkenntnis der modernen Hirnforschung des Menschen als "…Lernmaschine" und der "… Köpfe, die nichts lieber tun, als zu lernen", nahezu perfekt zu verbergen oder eben auf den Kopf zu stellen.

Mit einigen Beispielen aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz lässt sich das auch ganz leicht verdeutlichen, zugleich lässt sich so ein kurzer Einblick in die Realität des Unterrichts und des Lernens geben:

Beispiel 1:
Im Unterricht gehen wir ein neues Thema an. Noch bevor ich meinen Unterrichtseinstieg richtig vorgelegt habe, schießt blitzartig die Frage durch den Raum:
(Schüler:) "Herr Klein, das müssen wir aber bitte nicht auch noch fürs Abi lernen?!"
(Antwort:) "Nein, ist mir grade so eingefallen, machen wir nur aus Spaß an der Freude!"

Oder Beispiel 2:
Es ist Ende Februar, nach den Faschingsferien und ein guter Monat vor den schriftlichen Prüfungen. Countdown-Zeit also - sollte man meinen:
"Liebe Schüler, wir steigen jetzt in die Wiederholung des Abistoffs ein. Wie weit seid Ihr denn bisher?"
Als Antwort höre ich: "Wie, wie weit?? Wir haben doch noch gar nicht angefangen!"

Beispiel Nummer 3:
Es entsteht ein Schaubild an der Tafel, das einen Überblick über die letzte Themeneinheit gibt. Die Schüler sollten aktiv daran mitarbeiten.
Ein Schüler fragt: "Sie haben das doch schon fertig in Ihren Unterlagen, oder?!"
Antwort: "Ja, klar!"

… und ich höre als Antwort: "Wissen Sie was, kopieren Sie das doch einfach für uns und wir gehen gepflegt einen Kaffee trinken!"

Die Reihe an Beispielen ließe sich ohne Zweifel fortführen. Schenkt man den Berichten aus dem Lehrerzimmer glauben, geht es den Kollegen ebenfalls immer wieder so oder ähnlich.

Ich hätte es aber auch gleich besser wissen müssen: Als wir in der Eingangsklasse die psychologischen Lerntheorien besprochen hatten, war unter anderem Thema das "Lernen durch Versuch und Irrtum". Darum verdient gemacht hat sich ein gewisser Edward Lee Thorndike. Nach Besprechung und Übungen zur Themeneinheit hörte ich in der nächsten Stunde die folgende Aussage: Herr Klein, wir haben schon ein perfektes und sehr passendes Motto für unser Abi: "Abitur 2010 - Lernen durch Versuch und Irrtum."

 

Mit Recht stellt sich also die Frage: Warum scheinen die Aussagen der Hirnforscher nur eine - sagen wir einmal - begrenzte Gültigkeit zu besitzen?

Einen ersten Erklärungsansatz finden wir natürlich bei denen, die immer eine Antwort auf derlei Dinge haben, bei den Psychologen, genauer: den Entwicklungspsychologen. Mit unterschiedlichen Merkmalen wird hier der Begriff "Entwicklung" vordefiniert. Unter anderem mit den Merkmalen der "Differenzierung und Zentralisation" sowie der "Kanalisierung und Stabilisierung".

Achtung, jetzt wird's theoretisch:

"Differenzierung bedeutet dabei eine ständig steigende Hierarchisierung, Integration oder Organisation von Strukturen und Funktionen von Verhaltensweisen, wobei sich ein Teil dieser herausgebildeten Verhaltensweisen mit der Zeit verfestigt, also "zentralisiert". Zugleich bedeutet Entwicklung auch immer Anpassung an Kultur, Subkultur und Gesellschaft. Der Mensch selektiert und kanalisiert damit sein Verhalten und stabilisiert und verfestigt seine Verhaltensweisen."

Unter der Voraussetzung, dass Sie mir zu Beginn auch alle aufmerksam zugehört haben, knüpfe ich an Ihr Vorwissen an und versuche diese klugen Sätze einmal so auf den Punkt zu bringen: Im Rahmen der eingangs erwähnten und erstaunlich immensen Zahl an Verbindungen in unserem Kopf werden mit der Zeit eben manche Verbindungen ausdifferenziert, verfestigt und stabilisiert, andere hingegen werden wieder abgebaut, weil nicht benötigt oder besser: nicht benutzt; und sie verschwinden.

Als kleines Beispiel: Für diejenigen unter Ihnen, die die Mathematik so liebten wie ich es als Schüler getan hatte: Erinnern Sie sich an die Berechnung der Ableitung einer e-Funktion?! Nein?! Dann hat ihr Kopf diese Verbindung gekappt, weil sie von Ihnen wohl lange nicht mehr gebraucht wurde oder sie deren Nutzen und Bedeutung schon zu Schulzeiten nicht erkannt hatten.

Stattdessen huscht bei einem Schüler an dieser Stelle jetzt vielleicht viel eher der Gedanke vorbei, wie er eben jene Klassenarbeit in Mathematik mit Ableitungen zur e-Funktion mit geringst möglichem Aufwand bewerkstelligt.

Dazu gibt es bei uns selbst und damit in jedem unserer Köpfe ein Prinzip, das den Kollegen und Schülern des Wirtschaftsgymnasiums wohl das Herz höher schlagen lässt: Das ökonomische Prinzip! Was nicht gebraucht werden kann oder uns nicht anspricht oder interessiert, kommt weg.

Von Bedeutung ist, dass dieses Prinzip - das bei jedem von uns abgelaufen ist und abläuft - wesentlich von den Umwelteinflüssen abhängt.

Mithin die wichtigste Voraussetzung für die Feststellung "der Mensch ist eine Lernmaschine" - und die uns in den Aussagen der Hirnforscher vorenthalten wird - ist die Erfahrung, dass Lernen Spaß und Freude machen muss und der Inhalt unser Interesse weckt. Hierzu braucht es natürlich die entsprechenden Umwelten, die in der Lage sind, Freude und Spaß am Neuen, am Entdecken und Lernen zu vermitteln und gerade hier machen wir es den heutigen Generationen nicht gerade leicht:

 

Ein Beispiel von vielen ist hierzu der Ende 2009 in der "WELT" erschienene Zeitungsartikel über steigenden Leistungsdruck. So heißt es dort: "Immer mehr Eltern und auch die Schulen setzen Kinder (und Jugendliche) einem immer höheren Leistungs- und Erfolgsdruck aus Sorge um die Zukunftschancen aus". Überschrieben war der Artikel mit den Zeilen: "Zwischen Geigenstunde für Dreijährige, Frühenglisch, Nachhilfe, Lerncamps und Schulaufgaben". Der sprichwörtliche "Ernst des Lebens" beginnt merklich immer früher.

So muss auch ich mich in die Reihe derer einordnen, die immer wieder Druck erzeugt haben, und das sicher nicht ohne Grund: In Anbetracht der Stoffmasse, die für das Abitur im Profilfach am SG zu lernen war, konntet ihr für mich nicht früh genug damit anfangen. Mit Blick auf den Lehrplan hatte ich selbst nur allzu oft den Eindruck: Hier gilt die Gleichung "Lernen ist gleich Masse durch Zeit".

Ein dritter Punkt betrifft Eure Zukunft und damit die heutigen Studien- und Berufsaussichten. So stellt der Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell Jugendstudie 2010, in der "ZEIT" unmissverständlich heraus: "Es gibt neuen Zündstoff: etwas durch die doppelten Abiturjahrgänge in Folge der Gymnasial-Verkürzung auf acht Jahre, die jetzt die Schulen verlassen. Dadurch, und durch den Bologna-Hochschul-Prozess, kommt es zu einem großen Konkurrenzkampf und zu einer Verstopfung der Uni-Zugänge. Nicht einmal mehr die Besten eines Jahrgangs können sich sicher sein, den bevorzugten Studienplatz zu erhalten".

Mit Blick auf einen Teilbereich der euch betreffenden Umwelten, Eltern, Lehrer, Schule, Studium, Beruf und Zukunftsperspektiven ließe sich ein Prinzip herausstellen, das wir derzeit der jüngeren Generation immer wieder vor Augen führen. Es ist für mich das Prinzip "Höher, schneller, weiter!"

Und ich glaube nicht zu übertreiben: In mittlerweile vielen persönlichen Gesprächen mit Schülern wurde immer wieder deutlich, dass tatsächlich eine latente Zukunftsangst bei euch herrscht. Wenn also alles Lernen nur unter dem Duktus der Forderungen und Anforderungen von außen steht, ist das Lernen aus Spaß und Freude am Neuen schnell vorüber. Den Spaß, den ich dort nicht mehr habe, suche ich mir dann auf anderen Gebieten und als Antwort darauf findet sich heute noch in den Feuilletons der großen deutschen Zeitschriften eine Titulierung für euch Schüler: Paradoxerweise seid ihr die "Spaßgesellschaft".

 

Und doch, allen Widrigkeiten zum Trotz: Da sitzt ihr nun alle mit einem bestandenen Abitur, dass ihr gleich in den Händen halten dürft und habt damit den Schlüssel in der Hand zu über 4500 verschiedenen Studiengängen - alleine in Deutschland und ohne die Berufsausbildungen.

Eine stattliche Zahl bei der es jetzt auf eure Wahl ankommt. Einen festen Punkt für eure Wahl solltet ihr jetzt haben, wir hatten auch des Öfteren schon darüber gesprochen: Ich wünsche euch eine Wahl nach persönlichem Interesse, Fähigkeiten Neigungen und Talenten. Wer so sucht und schließlich fündig wird, den braucht keine Zukunftsangst umzutreiben, weil das Interesse am Gegenstand dann automatisch das mit euch macht, was die Hirnforscher umschrieben haben mit dem Satz: "Der Mensch macht nichts lieber als zu lernen und Lernlust muss man nicht wecken".

In diesem Sinne wünsche ich euch das für eure Zukunft und sage Danke für die gemeinsame Zeit.

Vielen Dank.

 

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