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Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,
sehr verehrte Eltern und Festgäste,
liege Kolleginnen und Kollegen,
ich begrüße Sie im Namen der Schulleitung des Pädagogiums ganz herzlich zur heutigen festlichen Abiturfeier im "Hopfenschlingel". Wir heißen natürlich auch die Vertreter der Presse willkommen.
Eigentlich hätten wir den akademischen Festakt gerne in unserer Schul-Aula auf dem Schlossberg begangen. Aber die Zahl unserer Abiturienten ist in den vergangenen Jahren gestiegen und schon letztes Jahr gab es noch nicht einmal mehr Stehplätze.
So hoffe ich, dass Sie mit der Wahl unserer Abiturienten mit dieser "Lokation" zufrieden sind und auch jeder einen Platz bekommen hat.
Bei der Terminabstimmung mit dem RP für die Abiturprüfung im letzten Jahr wussten wir natürlich weder, dass heute der heißeste Tag des Jahres ist - zumindest bis jetzt und wir wussten auch nicht, dass gleich die Niederlande gegen Brasilien spielen wird.
Aber ich bin sicher, dass wir mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel das Ergebnis nicht verpassen werden.
Doch bevor ich mich meinem eigentlichen Thema widme, möchte ich kurz auf den Unfall am Mittwoch eingehen. Die Abiturienten hatten sich Einiges ausgedacht um die zurückgebliebenen, Schüler und auch Lehrer am vergangenen Mittwoch nach der großen Pause zu überraschen. Leider verunglückte dabei eine Mitschülerin aus der Klasse 8 und verletzte sich schwer. Ich möchte unseren Abiturienten sagen: Ihr habt richtig völlig reagiert, die Unfallstelle abgesperrt, die anderen Schüler beruhigt. Uns allen tut dieser Unfall sehr leid, hat er Euch doch so plötzlich aus großer Freude und bester Feierlaune herausgerissen - um so toller Eure vernünftige und besonnen Reaktion.
Wir freuen uns sehr, dass Victoria zwar einen Schlüsselbeinbruch hat, aber sonst nicht ernsthafter verletzt ist.
Doch liebe Abiturientinnen und Abiturienten, jetzt ist es erst einmal geschafft und die Ausgabe der schwer erarbeiteten, teilweise sehr guten Abiturzeugnisse ist die letzte Amtshandlung, die Eure Schule für Euch vornehmen kann.
Sicher erinnert ihr noch, wie im vergangenen Jahr der Schlachtruf "ABI" durch die engen Gassen des Schlossbergs dröhnte?
Wisst Ihr noch, wie Ihr Euch damals gefühlt habt?
Wie weit war es da noch bis zum ABI?
Und schwups ist ein Jahr vorbei, nun sitzt Ihr hier und könnt es kaum erwarten, Eure Zeugnisse in die Hand zu bekommen und dann nichts wie raus in die weite Welt, in die große Freiheit.
Sein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, die Volljährigkeit Wirklichkeit werden lassen, keine Bevormundung durch die Eltern, keine gut gemeinten Ratschläge von Oma oder Opa, Onkel oder Tante, oder von einem Lehrer - "Nein ich weiß selbst am Besten, was gut für mich ist!"
Ja, aber auch Sie verehrte Eltern - auch Sie haben es geschafft! Sie sind stolz auf die "Kleinen" - die ja so klein nicht mehr sind. Sie sind erwachsene junge Damen und Herren geworden.
Ich habe das "Erwachsenwerden" meiner Kinder besonders daran gemerkt, dass das Gefühl und die Bewunderung, die wir Eltern früher genossen haben: "Mein Papi weiß alles" immer weniger wurde bis zu "Mein Papi hat keine Ahnung"!
Doch als unverbesserlicher Optimist baue ich auf die nächsten 5 bis 6 Jahre, sicher merken unsere Kinder dann, dass man sich mit uns ja doch ganz vernünftig unterhalten kann und sie stellen überrascht fest, wie viel ihre Eltern in dieser Zeit doch noch dazu gelernt haben.
Doch liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ich wäre ein schlechter Schulleiter, wenn ich die Gelegenheit - bevor wir Euch in die große Freiheit entlassen - nicht nutzen würde, um Euch noch ein paar Anregungen zum Nachdenken mit auf den Weg zu geben.
Ich möchte Euch ein paar Gedanken von Professor Felix von Kube erläutern, der 1998 ein Buch mit dem Titel "Lust an Leistung" veröffentlich hat. Weiter hat mich eine Rede von Dr. Klaus Dehner zum Thema: "Naturgesetze der Motivation" inspiriert, Dr. Dehner ist Sozial- und Verhaltenswissenschaftler.
Motivation heißt, Menschen in Bewegung setzen. Manche sehen dies allerdings als passiven Vorgang: "Hier sitze ich, nun motiviert mich Mal", eine Haltung, die wir Lehrer gelegentlich auch im Unterricht erleben.
Aber Motivation ist ein aktiver Prozess. Die Beweggründe haben sich schon in der Evolution herausgebildet. Alle lebenswichtigen Verhaltensweisen sind als Triebe programmiert worden, deren Vollzug mit Lust empfunden wird.
Es handelt sich um Nahrung, Sex, Aggression, Neugier u. Bindung. Diese Verhaltensprogramme erweisen sich auch heute noch als Urmotive für Engagement und Leistung; sie sind zugleich Voraussetzung dafür, in der modernen Lebenswelt ein reiches, zufriedenes und glückliches Leben führen zu können.
Unter den modernen Lebensbedingungen des materiellen Wohlstandes ist der Mensch allerdings Gefährdungen ausgesetzt. Er braucht nicht mehr auf anstrengende und gefährliche Nahrungssuche zu gehen; er braucht, um seine Neugier zu befriedigen keine Risiken und Gefahren mehr auf sich zu nehmen. Der Mensch kann seine Triebe rasch und leicht befriedigen, er kann sich verwöhnen.
Verwöhnung ist Lust ohne Anstrengung; sie ist rasche und leichte Triebbefriedigung, ohne dass man die Anstrengungsprogramme noch absolvieren müsste.
Da sich die Reize bekanntlich abschleifen, steigen - bei niedriger Triebstärke - die Ansprüche immer mehr. Der Verwöhnte will immer raffiniertere Delikatessen, immer schnellere Autos, weitere Reisen und immer mehr Luxus, immer mehr höhere Reize.
Der zunehmende Fernsehkonsum ist ein gutes Beispiel für diese Tendenz! Der Zuschauer genießt Lust ohne jede Aktivität, d. h. seine Aktivität reduziert sich auf den Knopfdruck der Fernbedienungen.
Auf die langfristigen Folgen der Verwöhnung auf die Gesundheit und auch auf die zunehmende Suchtproblematik in unserer Wohlstandsgesellschaft will ich gar nicht eingehen.
Verwöhnung hat darüber hinaus auch negative, gesellschaftliche Konsequenzen:
Phänomen sind hier etwa die Selbstbedienungs- und Trittbrettfahrermentalität (das steht mir schließlich zu), unmoralische Verhaltensweisen (man muss einfach ein Schwein sein, Geiz ist geil), bis hin zur Zunahme von Gewalt, insbesondere bei Jugendlichen.
Sie ist oftmals eine Folge von Verwöhnung und Unterforderung - nicht von Stress oder Überforderung.
Es ist durchaus möglich Anstrengung mit Lust zu erleben. Betrachten wir beispielsweise einen Bergsteiger. Welche Mühen, Training und Kraftanstrengung gepaart mit z. B. lebensgefährlichen Situationen nimmt er auf sich, nur um einen Berggipfel zu erklimmen, den er ohne jegliche Anstrengung mit einem Hubschrauber überfliegen kann.
Er empfindet das Klettern selbst als lustvoll, nicht nur das Erreichen des Gipfels, wobei auch hier mein Lieblingsspruch beim Wandern, der Weg ist das Ziel, gilt.
Auch Chirurgen, Schauspieler, Rocktänzer, Basketballspieler, Künstler erleben ihre anstrengende Tätigkeit mit intensiver Lust. Von Kube bezeichnet diesen besonderen dynamischen Zustand, dass völlige Aufgehen in einer Tätigkeit, insbesondere in einer anstrengenden Tätigkeit ,als "Flow".
Wichtig, um ein solch positives "Flowerlebnis" zu haben, ist allerdings eins: "Nämlich der Gewinn von Sicherheit." Es kilngt zunächst Paradox: "Der Mensch sucht das Risiko auf, um Sicherheit zu gewinnen!"
Der Unbekannte, das Unbekannte wird zum Bekannten, zum Berechenbaren und zum Vertrauten - so wird aus Unsicherheit Sicherheit.
Das Neue ist also nur der Reiz der Neugier - der Sinn der Neugier ist - Sicherheit.
Dabei ist es nicht nur sinnvoll, dass Neue zu erforschen, das in unserer Erlebniswelt auftaucht, noch wirkungsvoller ist es, das Neue aktiv aufzusuchen, die Grenzen des Reviers zu überschreiten, neue Länder zu erforschen, neue Probleme zu suchen.
Gewiss das Neue - das Unbekannte - ist mit Risiko behaftet, mit Unsicherheit. Aber der Einsatz lohnt sich: Je größer die erforschte Umgebung ist, je mehr Probleme gelöst sind, je mehr Wissen man hat, je mehr Neues zu Bekanntem geworden ist, je größer ist die erreichte Sicherheit, der Erfahrungsschatz und wir können unsere Aufmerksamkeit wiederum auf Neues richten.
Neugier ist ein Trieb!
"Flow" erlebt man, wenn wir dem Trieb folgen und es uns gelingt, Unsicherheit in Sicherheit zu verwandeln, gelingt dies nicht, bleiben wir unsicher , so erlebt man keinen "Flow", sondern Angst.
Ich will Ihnen das einem einfachem Beispiel verdeutlichen:
Positive Angst, d.h. Flow erlebt z.B. ein Motorradfahrer - gerade im mittleren Alter - der Motorrad fährt um einen "Kitzel" zu haben.
Aber er fährt so, dass er das Motorrad gerade noch beherrscht und erlebt somit Flow. Derjenige allerdings, der bei ihm als Sozius hinten mitfährt, kann selbst überhaupt nichts beeinflussen, er ist ausgeliefert, er hat einfach Angst.
Angst ist die nicht abbaubare Unsicherheit. Deswegen haben wir Angst vor Ereignissen, auf die wir keine Einfluss haben: Angst vor Krankheiten, vor Katastrophen, vor dem Tod.
"Flow" ist die abbaubare Unsicherheit der Gewinn an Sicherheit, dies ist ein tolles Gefühl.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
lieben Abiturientinnen, liebe Abiturienten,
Ihr verlasst nun ein sicheres Gebiet.
Im Schulsystem, im Umgang mit Lehrerinnen und Lehrern, mit Unterricht, den Klassenkameraden, mit der Struktur des Tagesablaufes, mit Euren Eltern, wart Ihr sicher - es war bekanntes Gebiet. Vielleicht war es für einige in den letzten Jahren zu sicher, vielleicht haben sie deshalb keinen Flow erlebt.
Vor Euch liegt neues, unbekanntes Terrain - und ich denke schon, dass Ihr neugierig seid. Macht Euch das Neue bekannt, verwandelt Unsicherheit in Sicherheit die Chance auf Flow ist groß!
Nehmt die heutige positive Energie und Euphorie mit in Eure Zukunft, die Ihr ja nun immer mehr selbst gestalten könnt aber auch müsst.
Habt vertrauen in Euch und Eure Fähigkeit, setzt Eure Kraft und Energie richtig ein und nehmt Eure Zukunft in die Hand. Und denkt daran, dass Ihr in Zukunft nicht nur für Euch selbst und für Eure Entwicklung verantwortlich seid, sondern im zunehmenden Maße auch für Eure Mitmenschen, Eure Familie, Eure Umwelt, für die Natur, ja für unsere Demokratie, für das Gesellschaft- und Wirtschaftssystem, für die politische Entwicklung, kurz für einen Teil der Geschehnisse auf und mit unserer Erde:
Wie heißt es hier so zutreffend, "global denken, lokal handeln!"
Hier möchte ich Rabindranath Thakur einen bengalischen Dichter, Philosoph, Maler, Komponist und Musiker, der 1913 den Nobel-Preis für Literatur erhielt zitieren:
Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude.
Werdet Euch Eurer Pflicht und Verantwortung bewusst und engagiert Euch auch ehrenamtlich für die Gemeinschaft, für die Gesellschaft und bewahrt Euch einen gesunden Menschenverstand und das gute Bauchgefühl, das Gefühl dafür, was richtig ist.
Wir alle, Eure Schule - das Päda, wünschen Euch dabei von ganzem Herzen viel Erfolg, Gesundheit, eine glückliche Hand und immer das notwendige Quäntchen Glück zu einem frohen, erfolgreichen und erfüllten Leben.
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